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Bayern

Max Thinius: „Die ­Zukunft kommt nicht – wir gestalten sie!“

Mit Max Thinius haben wir uns Europas führenden ­Futurologen ins Boot geholt. Mit ihm gemeinsam wollen wir die Möglichkeiten, wie wir Zukunft gestalten können und welche Rolle zukünftig der öffentliche Dienst dabei einnimmt, diskutieren, sichtbar und ­zugänglich machen.

Fragen? Anregungen?

Wenn beim Lesen Fragen auftauchen, Sie eine Inspiration haben oder eine Idee, die Sie beschäftigt, zu der Sie von Max Thinius gerne eine Meinung hätten, dann schreiben Sie uns an bbb@bbb-bayern.de. Oder Sie nehmen direkt an unserer Online-Umfrage zu diesem Thema teil! Wir leiten ihm alles weiter! Er hat ver­sprochen, alles aufzugreifen. 

Zukunft ist kein Zufall – wir können sie selbst gestalten!

Deutschland und Europa stehen vor großen Veränderungen – von der digitalen Transformation über die neue geopolitische Rolle in der Welt, bis hin zu einem technologischen wie auch gesellschaftlichen Wandel in allen Lebensbereichen. Wir fühlen uns an dieser Stelle oft von der Zukunft getrieben, haben das Gefühl, dass wir nicht mehr hinterherkommen. 

Aber ist das wirklich so? Oder haben wir da ein Missverständnis von „Zukunft“? „Shift happens!“, also es verändert sich etwas. Das ist richtig. Wir beziehen das meist auf Technologie – und das wurde in den vergangenen Jahren ja auch immer so kommuniziert: Digitalisierungsstrategie, die digitale Verwaltung, OZG (Online-Zugangs-Gesetz), digitale Transformation – und was nicht alles. Technologie ist aber nur ein kleiner Teil unseres Alltags. Viel wichtiger ist die gesellschaftliche Innovation, also wie sich unsere Strukturen im Alltag verändern.
 

Wir haben viel für die Industrialisierung erfunden!

Die Industrialisierung zum Beispiel ist auf Basis von Technologie, aka Dampf­maschinen, entwickelt worden. Wir haben Städte mit Industrieanlagen hierzu gebaut, Durchgangsstraßen für den Warentransport, Innenstädte und Wohnviertel. Wir haben aber auch, damit Menschen vernünftig und sinnvoll arbeiten konnten, die Sozialversicherungen erfunden, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Krankenversicherung, das Bildungssystem, Begriffe wie „Freizeit“ und sogar die Familie haben wir neu definiert. Von der einstigen Großfamilie der Agrarwirtschaft, in der jeder für den anderen gesorgt hat, sind wir zu einer 4-Personen-Struktur als industriellem Ideal gekommen. Ideal, weil hiermit das neue notwendige Sozialsystem langfristig finanziert werden konnte und auch immer genug Fachkräfte für die Zukunft des industriellen Wachstums vorhanden waren.

Was aber, wenn eine Familie heute nur noch aus knapp drei Personen besteht? Dann haben wir ein mathematisches Problem mit dramatischen Auswirkungen auf unser Sozial- wie Gesundheitssystem, aber auch die Fachkräfte. Wir erkennen, dass wir mit dem bestehenden System vor eine Wand laufen, versuchen es aber aufrecht zu erhalten, weil wir dem industriellen Narrativ folgen, ohne darauf zu achten, dass wir ja alles genau hierfür entwickelt haben. Wenn wir sogar erkennen, dass wir Städte in der bestehenden Form vielleicht nicht brauchen, dass aber das Zusammenleben und -arbeiten einen wichtigen sozialen Faktor hat. Auch dass wir in den 1980er Jahren noch rund 60-70 Prozent unserer Fähigkeiten in die Arbeit einbringen konnten, heute nurmehr 30-40 Prozent, weil wir vor allem Kosten optimieren statt Lösungen. Aber was macht das mit Menschen, die hier zunehmend demotiviert sind?
 

Neue Zusammenhänge sind wichtiger als neue Technologien

Es gibt unendlich viele Fragen hierzu. Und neue Vernetzungen. Damit wir diese ganzen Zusammenhänge und Vernetzungen besser verstehen, haben wir sie in 18 Lebensbereiche unterteilt. Das sind zum Beispiel die Bereiche Gesundheit, Wohnen, Arbeit, Mobilität, Bildung, Freizeit, Familie, Konsum & Produktion, Politik & Verwaltung, Energie, Kultur, die gesellschaftlichen Werte und andere. In all diesen Bereichen finden Änderungen statt, die nicht nur technologisch sind, sondern vor allem strukturell. Bereiche auch, die sich neu miteinander vernetzen lassen.

Diese ganzheitliche Sicht zu erkennen und aufzuzeigen, wie wir hier aktiv verändern und neue Möglichkeiten nutzen können, das ist die Aufgabe von Futurologen. Im Gegensatz zu Zukunfts­forschern entwickeln sie dabei nicht nur Szenarien „was werden könnte“, also Wahrscheinlichkeiten – Futurologen schauen in die aktuellen Möglichkeiten, die wir „jetzt“ haben, um Zukunft ge­stal­ten zu können. Und zwar die Mög­lichkeiten jedes Einzelnen, von Un­ter­neh­men, Regionen und natürlich auch Verwaltungen.

Dabei betrachten sie nicht nur die Digitalisierung, also die Technologie, sondern die Digitalität, also das Zusammenspiel zwischen digitaler neuer Technologie und Realität, daher Digitalität.
 

Futurologen – die neue Sicht auf unser neues Zeitalter

Futurologen sind heute (noch) selten. Denn um die Industrialisierung mit ihren sehr festen und vorgegebenen Strukturen waren vor allem Wahrscheinlichkeiten und Trends wichtig, um vorhersehen zu können, was passiert – das haben Zukunftsforscher abgebildet. Zunehmend verändern sich aber diese Strukturen und jeder Einzelne hat durch neue Technologien jeden Tag mehrere große Hebel zur Verfügung, was wir verändern „können“. Das ist neu, verlangt aber nach anderem Denken, Initiativen und Handlungen. Vor allem verlangt es nach klaren Werten und Vorbildern. Denn eine Gesellschaft besteht eben nicht aus Technologie, sondern aus Werten, auf die sie sich in einem demokratischen Verfahren geeinigt hat und die sie den aktuellen Anforderungen immer wieder anpasst.
 

Verwaltungen sind per se Zukunftsgestalter:innen

Verwaltungen und Beamt:innen haben dabei eine entscheidende Rolle. Nicht umsonst heißt es „öffentlicher Dienst“, also ein Dienst an der Gesellschaft. In der Gestaltung von Zukunft nimmt dieser „Dienst“ tatsächlich eine Schlüsselrolle ein. Verwaltungen sind die Schnittstelle zwischen Staat und Bürgern, Staat und Wirtschaft, Staat und Innovation – die halten die verschiedenen Bereiche des Alltags, gemeinsam mit dem großen Ganzen zusammen. Beamt:innen sind damit Botschafter des Staates und gleichzeitig Umsetzungsexperten – zukünftig noch mehr als heute. Denn ihnen obliegt es, politische Beschlüsse in konkretes Handeln vor Ort zu übertragen.

Mit Blick auf die globale Lage müssen wir nicht lange erklären, dass Europa, vor allem auch Deutschland, mit die weltweit beste Lebensqualität bietet. Denn es geht eben nicht nur darum, große Tech-Konzerne zu beheimaten, sondern aus dieser Technologie Möglichkeiten für die Menschen in der Gesellschaft zu entwickeln. Es geht also bei der „Digitalisierung“ von Verwaltung eigentlich weniger darum, dass wir alles am Computer erledigen – der kann unterstützen – vor allem müssen wir das System und die Möglichkeiten des neuen Zeitalters erkennen und die öffentlichen Dienstleistungen darauf ausrichten.

Um es kurz zu sagen, die Aufgabe von Verwaltung ist zunehmend die operati­ve Gewährleistung von Lebens- und Wirtschaftsqualität auf Basis der von der Gesellschaft definierten Werte. Auch das ist neu. Denn bisher hat die Industri­alisierung durch die Technologie und großen Systeme die „möglichen“ Werte vorgegeben. Zunehmend haben wir so viel unterschiedliche Technologie zur Auswahl, dass wir genau schauen müssen, welche Werte wir womit unterstützen können – und an welchen Stellen es Re­gulierung oder Deregulierung braucht.
 

Von der Entbürokratisierung zur Zukunftsgestaltung

Forderungen für eine in diesem Zu­sam­menhang oft geforderte Entbürokratisierung sind zwar in der Idee vielleicht richtig, in der Umsetzung aber ist es viel hilfreicher, den öffentlichen Dienst auf die neuen Möglichkeiten auszurichten und dabei neue Strukturen bilden zu lassen, die dann mit einem gewissen Übergang die bestehenden Strukturen zunehmend hinter sich lassen. Die Technologie hilft uns dabei, dass wir nicht von heute auf morgen umschwenken müssen, sondern dass wir mit relativ geringem Aufwand immer wieder neue Möglichkeiten ausprobieren und die zunehmend beste etablieren ... und kontinuierlich weiterentwickeln. Denn auch das ist eine Tatsache der Digitalität, dass sich Strukturen nicht so lange halten werden wie in der Industrialisierung, sondern kontinuierlich einem Wandel unterworfen sind. Oder positiv formuliert: Sie bieten immer wieder neue Möglichkeiten, die Lebens- und Wirtschaftsqualität „on the fly“, also im gelebten Alltag, anzupassen.

Es ist Zeit, mutig zu sein, Möglichkeiten statt Wahrscheinlichkeiten oder Probleme in den Vordergrund zu stellen und mit Optimismus unsere Zukunft zu formen. Denn eines steht fest: Die Zukunft kommt nicht – wir gestalten sie! Und sie bietet weit mehr Chancen als Risiken. Packen wir es gemeinsam an! 

Autor: Max Thinius