Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sieht erhebliche Arbeitszeitreserven im öffentlichen Dienst. 634.000 Vollzeitkräfte – auf diese Zahl kommt das Institut in seiner Untersuchung zum Personalmangel im öffentlichen Dienst. Dahinter steckt ein Rechenmodell: Welches Arbeitsvolumen entstünde, wenn alle Teilzeitbeschäftigten auf Vollzeit aufstockten. Der dbb beziffert den Personalmangel im Staatsdienst auf 631.000 – die Rechnung geht also fast exakt auf. Für Bayern beziffert das IW das Potenzial auf rund 19 bis 21 Prozent, in absoluten Zahlen sind es rund 129.800 Vollzeitäquivalente, mehr als in jedem anderen Land. Das Institut betont jedoch selbst, dass es sich um eine theoretische Obergrenze handelt. Dass nicht jede Teilzeitkraft kann oder will, liegt auf der Hand. Die Studie zeigt aber, was in einer höheren Erwerbsbeteiligung bereits vorhandener Beschäftigter stecken könnte.
Auch die Staatsregierung hatte diese Reserve im Blick. Angesichts von demografischem Wandel und Fachkräftemangel zielte sie darauf ab, dass mehr Teilzeitbeschäftigte ihren Arbeitszeitumfang erhöhen und ältere Beschäftigte den Ruhestand hinausschieben. Die Botschaft ist klar: Bayern braucht mehr verfügbare Arbeitskraft.
Mehr Arbeit braucht Stellen
Genau hier liegt der Widerspruch. Wer mehr Arbeitszeit will, muss Stellen bereitstellen. Stattdessen gilt ein Stellenmoratorium. Kostenwirksame Stellen werden grundsätzlich nicht geschaffen. Und bis 2028 sollen 1.000 Stellen wegfallen, bis 2040 insgesamt 10.000. Dazu kommen Wiederbesetzungssperren und Stellen, die den Ressorts erst verspätet zugewiesen werden. Was auf dem Papier nach Konsolidierung aussieht, führt vor Ort zum Gegenteil dessen, was die Politik erklärt.
Die Realität sieht anders aus
Beispiel Polizei:
Im Sommer waren 900 Stellen frei. 650 davon brauchte die Polizei, um im September ihre Anwärter zu übernehmen. Für März 2027 werden weitere 850 Stellen benötigt. Und im September 2027 erneut. Um Sicherheit für den Nachwuchs zu schaffen, sah man sich gefordert, eine Übernahmegarantie auszusprechen. Nun werden in den Präsidien alle Stellenanteile zusammengekratzt. Und in anderen Bereichen sieht es ähnlich aus.
Damit einher gehen aber weitere Folgen:
- keine neuen Verbeamtungen,
- kaum Teilzeitaufstockungen,
- eine schwierigere Rückkehr aus der Elternzeit,
- eine restriktivere Handhabung beim Hinausschieben des Ruhestands.
Gerade Aufstockung und längeres Arbeiten, die die Politik fordert, werden so ausgebremst.
Beispiel Bildung und Justiz
Im Kultusbereich steigen die Schülerzahlen, aber 2026 gibt es keine zusätzlichen Lehrerplanstellen. Das Ministerium spricht selbst von einer „Sondersituation“. Bei den multiprofessionellen Unterstützungskräften, für die der Koalitionsvertrag 3.000 Stellen vorsieht, steht qualifiziertes Personal auf dem Arbeitsmarkt bereit. Es darf wegen des Moratoriums nicht eingestellt werden. In der Arbeitsgerichtsbarkeit stiegen die Fallzahlen von 2022 bis 2025 um fast 25 Prozent (von 42.228 auf 53.978), das Personal dagegen nur um knapp drei Prozent. Dort sind zudem 71 Stellen unbesetzt, es ist also auch ein Attraktivitätsproblem.
Die angekündigten Stellen reichen nicht
Die Staatsregierung verweist auf Stellen im Nachtragshaushalt 2027.
Der BBB hält das für keine Lösung:
- Polizei (200 Stellen): Sie sind durch den Aufbau des Landesamts für Bevölkerungsschutz und die Drohnenabwehr bereits verplant und reichen nicht aus.
- Justiz (200 Stellen): Sie werden für die nach jahrelanger Bauzeit fertiggestellten Justizvollzugsanstalten gebraucht. Der Bedarf war lange bekannt.
- Koalitionsvertrag: Er sah für die Polizei 1.000 Stellen für den Vollzug, 500 für die Grenzpolizei und 500 für Verwaltung und Tarif vor. Für den Kultusbereich waren 6.000 Lehrkräfte und 3.000 multiprofessionelle Kräfte zugesagt. Mit den jetzt angekündigten Stellen hat das wenig zu tun.
BBB: Beide Seiten zusammen denken! Stellenmoratorium beenden!
Arbeitszeitreserven können Engpässe abfedern. Wer freiwillig aufstocken oder länger arbeiten will, soll das unkompliziert und zu attraktiven Bedingungen können. Sie ersetzen aber keine Stellen.
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